Achtsamkeit und Meditation

„Wir sind es so gewohnt uns vor anderen zu verstellen/verbergen, dass wir uns am Ende vor uns selbst verstellen/verbergen.“

Dieses Zitat von dem französischen Schriftsteller und Diplomaten Francois VI Duc de La Rochefoucauld (1613-1680) hat über die Jahrhunderte nichts an seiner Aktualität verloren.

Ist es nicht so, dass wir unsere Wahrheit, also ‚wahrhaftig‘ sein, gar nicht mehr spüren und kommunizieren können? Dass wir oft selbst nicht mehr wissen, WAS unsere Wahrheit, WIE unsere Gefühle überhaupt sind?

Oft können wir unsere ‚wahren‘, tatsächlichen Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle gar nicht mehr äußern. Es scheint, als wären wir davon abgeschnitten, abgeschnitten von der Verbindung, dem Zugang zu uns selbst.

Was uns meist bewusst ist, sind jene Wünsche und Bedürfnisse, die sich auf der materiellen Ebene befinden. Wir wissen, wie die Wohnung oder das Haus aussehen soll in dem wir leben wollen, welches Auto wir fahren möchten oder wie viel Geld wir verdienen sollten. Wir wissen auch, was wir von anderen möchten, wie sie sich uns gegenüber verhalten sollen, welche Erwartungen wir an sie knüpfen.

Aber das befindet sich alles im Außen. So bekommen wir immer mehr und mehr das Gefühl, dass alles, was wir möchten, wünschen, wollen, brauchen (nur) im Außen zu finden und zu bekommen ist. Das ist ein Irrglaube. Alles, was wir wirklich ‚brauchen‘ ist der Zugang zu uns selbst, zu unserem Inneren.

Wir haben diesen Weg, diesen Zugang zu uns, meist (gut) verschüttet. Aus den unterschiedlichsten Gründen, die so individuell sind wie jede/r von uns. Die Auswirkungen jedoch zeigen sich eigentlich bei uns allen sehr ähnlich. Wir sind, im besten Fall, unzufrieden. Das kann so weit gehen, dass wir im Burn-out landen, depressiv werden, traurig und/oder wütend, mut- und lustlos sind.

Da müssen wir aber nicht bleiben!

Es gibt einen Weg wieder ‚an’s Licht‘ und der geht eben nicht über das Außen, über andere Menschen und auch nicht über irgendwelche Dinge bzw. Gegenstände, sondern über unser Inneres.

Das ist quasi die ‚schlechte‘ und die ‚gute‘ Nachricht zugleich – gerne erzähle ich Ihnen im persönlichen Gespräch mehr über die ‚Hintergründe‘.

Es geht unter anderem darum, ‚Gefühle zu wandeln‘ und den Zugang zu uns (wieder) zu entdecken, denn nur so können wir ‚authentisch werden/sein‘ und das ist eigentlich das Einzige, was uns wirklich glücklich macht bzw. machen kann.

Der Zugang zu uns selbst, zu unserem Inneren, ist also eine wichtige Sache. Ich möchte Ihnen hier anhand eines Beispiels eine Anregung, eine Idee geben, WIE dieser Zugang möglich werden kann.

Natürlich, wie bei allem im Leben, ist es auch was Achtsamkeit betrifft so, dass jede/r unterschiedlich ist und daher auch die Zugangswege sehr individuell sind.

Atmen ist allerdings etwas, das für uns alle eine Lebensgrundlage darstellt und was wir (automatisch) jede Sekunde tun, also etwas sehr Essentielles.

Hier also eine Achtsamkeitsgeschichte von Thich Nhat Hanh (einem der bedeutendsten spirituellen Lehrer der Gegenwart), die helfen kann diesen Weg zu gehen, die helfen kann wieder ‚zu sich‘, in das eigene Innere und somit in die Bewusstheit zu gelangen.

Ein Atemzimmer

Für fast alles haben wir ein Zimmer – zum Essen, Schlafen, Fernsehen – doch für die Achtsamkeit haben wir keines. Ich schlage vor, bei uns zu Hause ein kleines Zimmer einzurichten, das wir ‚Atemzimmer‘ nennen, in dem wir allein sein und einfach Atmen und Lächeln übern können, zumindest dann, wenn die augenblickliche Lage uns schwierig erscheinen. Dieses kleine Zimmer sollte als eine Art Botschaftsgebäude des Königreiches des Friedens betrachtet werden. Es sollte respektiert und nicht durch Wut, Geschrei oder ähnliches entweiht werden. Wenn ein Kind spürt, dass es gleich angeschrien wird, kann es in diesem Zimmer Zuflucht finden. Dann können weder Vater noch Mutter mit ihm schimpfen. In der Botschaft des Friedens ist das Kind sicher. Eltern werden gelegentlich ebenfalls in dem Zimmer Zuflucht suchen, um sich niederzusetzen, zu atmen, zu lächeln und sich zu erholen. Das Zimmer wird also der ganzen Familie guttun.

Ich möchte vorschlagen, das Atemzimmer sehr einfach einzurichten und nicht zu hell zu halten. Vielleicht hättest du gerne eine kleine Glocke mit einem schönen Klang dort, ein paar Sitzkissen oder Stühle und eine Vase mit Blumen, die uns an unsere wahre Natur erinnern. Du oder Deine Kinder, ihr könnt die Blumen in Achtsamkeit mit einem Lächeln anordnen. Wenn du das Gefühlt hast, ein wenig durcheinander zu sein, weißt du, dass es am besten wäre, zu diesem Zimmer zu gehen, die Tür langsam zu öffnen, niederzusitzen und die Glocke zu ersuchen, ihren Klang hören zu lassen – ein meiner Heimat sagen wir nicht die Glocke „schlagen“. Dann kannst du mit dem Atmen beginnen. Die Glocke wird nicht nur eine Hilfe für diejenigen sein, die sich im Atemzimmer befinden, sondern auch für die anderen im Haus.

Nehmen wir an, dein Mann ist gereizt. Da er gelernt hat, das Atmen zu üben, ist er sich bewusst, dass er am besten in das Zimmer geht, sich niedersetzt und übt. Du weißt vielleicht gar nicht, wohin er verschwunden ist, du warst in der Küche mit Karottenschneiden beschäftigt. Dir geht es aber auch nicht gut, weil ihr beiden eben eine Auseinandersetzung hattet. Die Karotten schneidest du gerade ein wenig heftig, weil die Energie der Wut in deine Bewegungen einfließt. Auf einmal hörst du die Glocke und weißt, was zu tun ist. Du unterbrichst das Schneiden und atmest ein und aus. Du fühlst dich besser, lächelst sogar und denkst an deinen Mann, der weiß, was er tun muss, wenn er wütend wird. Er sitzt jetzt im Atemzimmer, atmet und lächelt. Das ist wunderbar. Das tun nicht viele Leute. Plötzlich steigt in dir ein Gefühl der Zärtlichkeit auf, und du fühlst dich viel besser. Nach drei Atemzügen beginnst du wieder Karotten zu schneiden, aber nun anders.

Dein Kind, das die Szene mitbekommen hat, wusste, dass gleich eine Art Gewitter losbrechen wird. Das kleine Mädchen hat sich in sein Zimmer zurückgezogen, die Tür geschlossen und still abgewartet. Statt des Gewitters hört sie nun die Glocke und begreift, was sich tut. Sie fühlt sich so erleichtert und möchte ihrem Vater zeigen, wie dankbar sie ist. Sie begibt sich langsam zum Atemzimmer, öffnet die Tür, tritt geräuschlos ein, setzt sich neben ihn und gibt ihm zu verstehen, dass sie für ihn da ist. Das hilft ihm sehr! Er war schon bereit gewesen, sich wieder zu zeigen – er kann jetzt schon lächeln -, aber da seine Tochter dort sitzt, möchte er noch einmal die Glocke zum Klingen bringen, damit sie in den Atem geht.

Du bist in der Küche, hörst die Glocke zum zweiten Mal und weißt, dass es jetzt möglicherweise nicht das Beste ist, Karotten zu schneiden. Du legst also dein Messer nieder und gehst ebenfalls in das Atemzimmer. Dein Mann ist sich bewusst, dass sich die Tür öffnet und du hereinkommst. Er fühlt sich zwar schon im Gleichgewicht, aber da du kommst, bleibt er noch ein bisschen und lässt die Glocke für dich und deinen Atem erklingen.

Schön, diese Szene! Frieden und Aussöhnung zu üben, ist eine der wesentlichsten und künstlerischsten Aktionen der Menschen.

Ich kenne Familien, in denen die Kinder nach dem Frühstück in das Atemzimmer gehen, „ein-aus-eins, ein-aus-zwei, ein-aus-drei“ bis zehn atmen und danach in die Schule gehen. Wenn dein Kind nicht bis zehn atmen möchte, sind drei Atemzüge sicher auch schon genug. Es ist schön, den Tag so zu beginnen! Das hilft der ganzen Familie. Wenn du morgens achtsam bist und versuchst, die Achtsamkeit während des Tages aufrecht zu erhalten, wirst du vielleicht in der Lage sein, am Ende des Tages mit einem Lächeln heimzukommen, was beweist, dass die Achtsamkeit noch da ist.

Ich bin der Ansicht, dass es in jedem Zuhause ein Zimmer geben sollte, in dem geatmet werden kann. Einfache Übungen wie bewusstes Atmen und Lächeln sind wichtig. Sie können unsere Zivilisation verändern.

Das ist also die Geschichte von Thich Nhat Hanh über das Atemzimmer. Nun können Sie sich überlegen, ob Sie so ein Zimmer haben möchten bzw. es auch benutzen würden. Denn das ist das Ausschlaggebende, dass man auch ins Tun kommt und nicht nur darüber liest und/oder nachdenkt. Und sollten Sie kein Zimmer dafür zur Verfügung haben, dann könnten Sie sich so ein Zimmer in Ihrem Kopf erschaffen und gedanklich dorthin gehen.

Ich unterstütze und begleite Sie gerne den Weg zu sich selbst – zurück – zu finden!

Achtsamkeit bzw. Achtsamkeitsübungen und Meditation können unter anderem ein sehr hilfreiches Tool dafür sein